Krakau - Willkommen in Polen !
Eine Studienfahrt der Extraklasse
Wir saßen alle recht unruhig da und waren auf mehr gespannt als nur auf das Essen, das wir gleich serviert bekommen sollten, hier, auf der Burg Liebenzell am Tag unserer Anreise. Auf fünf große Tische waren wir verteilt, die Erstpreisträger des 39. Schülerwettbewerbs zur politischen Bildung in Baden-Württemberg und schauten etwas unsicher um uns, auf das erste gesprochene Wort, von Seiten unserer Leiter, wartend. Monika Greiner und Reinhard Gaßmann heißen sie, oder einfach Moni und Reinhard wie wir sie später gerne nannten, und sie ließen uns nicht lange auf ihre erste Ansprache warten, in der sie uns Willkommen hießen und für uns kurz die folgenden Tage organisatorisch umrissen und uns mitteilten, daß Politiker aus dem Landtag auch bei unserer Reise dabeisein würden. Nach dem guten Mittagessen traf sich die ganze Gruppe sehr bald wieder und der kleine Versammlungsraum der Burg wurde mit jungen Leuten gefüllt, zwischen denen sich allmählich erste Gespräche entwickelten und erste Bekanntschaften gemacht wurden. Zur gleichen Zeit horchte man dem Vortrag über den Verlauf der Reise zu, die uns, über Dresden und Görlitz, in eine Stadt führen sollte von welthistorischer Bedeutung, die von der UNESCO in der Liste des Weltkulturerbes angeführt ist und sich den Namen "Polens Perle" wirklich verdient hat, Krakau. Davon trennte uns aber noch eine lange Busfahrt und daher galt die, beim Abendessen feststellbare Vorfreude in einem jeden von uns nicht nur der übermorgigen Fahrt nach Polen, sondern vor allem dem morgigen Jubiläumsfest der Landeszentrale, zu dem wir von ihr eingeladen wurden, dem "Fest der Demokratie" in Bad Urach.
Pünktlich um Sieben weckte uns auch schon
das liebliche Läuten der Burgglocke und ein Bus brachte uns nach dem
kräftigenden Frühstück nach Bad Urach ins "Haus auf
der Alb". Der Tag wurde ein voller Erfolg, denn es war für jeden
etwas dabei. Was uns aber alle gleichermaßen beeindruckt hatte, war
die mitreißende Rede von Hans Koschnick, dem ehemaligen Bremer Bürgermeister
und EU-Verwalter in der südbosnischen Stadt Mostar, der neben Ignatz
Bubis, Erwin Teufel und Peter Straub etwas über "Mut in schweren
Zeiten" erzählte. Für Auflockerung sorgte der afrikanische
"Circus Ethiopia", dessen Musik und Kunststücke, unter dem
riesigen Zelt im Garten des Hauses auf der Alb, einen Zustand des Dauerapplaudissements
hervorgerufen hatten. So mancher Politiker konnte dann sehen, wie man ein
Publikum tatsächlich in Begeisterung und Jubel versetzt. Nachdem das
Festprogramm zu Ende war, suchte sich jeder von uns etwas aus dem breiten
Rahmenprogramm aus und verbrachte die restliche Zeit mit
Musik, Informationen oder spielerischen Mutproben. Erschöpft und sehr
beeindruckt fuhren wir dann zurück nach Bad Liebenzell in unsere gute
alte Burg, in die guten alten Zimmer oder die gute alte Burgschenke, in
welcher so manchen die Müdigkeit plötzlich verließ und
in der dann bis in die Morgenstunden gelacht und gespaßt wurde. Wir
unterhielten uns auch darüber, wie es wohl sein wird in Krakau, und
was so alles auf uns zukommt. Wir freuten uns riesig und alles deutete
darauf, daß es eine höchst interessante Fahrt werden sollte,
denn wir Preisträger verstanden uns prächtig, viele Freundschaften
waren geknüpft und wir hatten Reiseleiter mit ausgezeichnetem Organisationstalent,
die sich nicht nur um einen reibungslosen Ablauf der Reise bemüht
haben, sondern während der ganzen Studienfahrt täglich unser
politisches Verständnis und unser politisches Wissen zu erweitern
und zu bereichern gesucht haben.
Am Morgen des 20. Juli läutete die Burgglocke recht früh und nach dem Frühstück starteten wir recht munter nach Krakau. In dem Bus, in welchem wir in den nächsten Tagen längere Zeit verbringen sollten, machten wir Bekanntschaft mit Wolfram, unserem freundlichen Busfahrer, der immer ein offenes Ohr für Musikfreunde hatte, und der uns sicher und schnell am selben Abend an die polnische Grenze bei Görlitz gefahren hatte. Die Schlafenden wachten langsam auf und kramten ihre Pässe hervor, denn der Grenzübergang war in Sicht und wir alle freuten uns schon auf das Hotel - "Pod Orlem" - Unterm Adler, im polnischen Teil von Görlitz. Leider gab es eine Verzögerung am Grenzübergang, die wegen des Fremdsprachendefizits der polnischen Grenzbeamten, in der Diskussion um ein nicht benötigtes Visum eines ausländischen Reiseteilnehmers, entstanden war. Es wurde aber alles geklärt, so daß wir durchfahren konnten und schon bald vor unserem attraktiven Hotel standen. Wir brachten unsere Sachen auf die Zimmer und machten uns nach dem Abendessen in kleinen Gruppen auf, trotz der ermüdigenden Fahrt, die wir hinter uns hatten, die Stadt Zgorzelec zu erkunden. Nach einer kleinen Tour kehrten wir aber bald aus dem kühlen "Draußen" ins warme Hotel zurück, setzten uns in den Zimmern zusammen, unterhielten uns und tauschten unsere ersten Eindrücke über dieses uns noch fremde Land aus. Manche tauschten auch Zlotys, wie die polnische Währung heißt, in Bier, das sie leicht schläfrig machte, andere wiederum tauschten Komplimente aus auf dem bequemen Sofa im Flur und verschwanden bald ein Stockwerk höher. Man konnte feststellen, daß sich die Gruppe näher kam und die Studienfahrt bisher ein voller Erfolg war.
Wie immer begann auch der nächste Tag sehr
früh, und wir mußten packen, denn heute ging es direkt nach
Krakau. Auf der langen Fahrt dorthin bekamen wir Einiges von den Überschwemmungen
mit, mußten sogar einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, waren aber
auch recht schnell am ersten und einzigen Zwischenstopp angelangt, in Javor,
wo wir die Friedenskirche, ein beeindruckendes Bauwerk aus Holz, besichtigten.
Zügig ging es danach weiter, man hörte Musik, applaudierte unserem
Busfahrer Wolfram und hörte Moni und Reinhard zu, die uns auf Krakau
vorbereiteten und auch auf einen sehr wichtigen Punkt, nämlich auf
den Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz. Man konnte uns
ansehen, daß wir ernsthaft bei der Sache waren und uns Gedanken über
die kommenden Tage machten. Die Busfahrt ging durch das Lesen des Buches
"Ein Leben und eine Liebe in Auschwitz" von Mala Zimetbaum, das
wir am ersten Tag erhielten, und durch höchst interessante Gespräche
mit "unseren" Politikern schnell vorbei und gegen Abend parkte
der Bus mit den Erstpreisträgern aus Baden-Württemberg vor dem
Krakauer Hotel "CRACOVIA". Es war ein großes, modernes,
sehr freundliches Hotel, welches uns einen wunderschönen Blick auf
die "Avenue Focha" bot. Wir aßen zu Abend, brachten unsere
Sachen auf die Zimmer und gingen fast alle in die Stadt, die an diesem
Abend viele Eindrücke auf uns hinterlassen sollte: Viele schöne
Eindrücke, die uns den Atemzug der Geschichte in diesen malerischen
Straßen und auf diesen verträumten Plätzen spüren
ließen wie auch das Leben, die Lockerheit dieser Menschen, mit der
sie in warmen Sommernächten wie dieser, den Alltag vergessen und einfach
leben, sich amüsieren und miteinander lachen, auf dem großen
Marktplatz in den vielen Restaurants und Bars aus denen den ganzen Abend
lang wunderbar lebhafte Musik zu unseren Ohren drang. Den restlichen Abend
beziehungsweise die Nacht verbrachten wir plaudernd in den Zimmern und
so mancher männlicher Kollege erlag der Versuchung seine Weiblichkeit
durch die Schminkkünste seiner weiblichen Reisegefährtinnen zum
Ausdruck zu bringen.
Am nächsten Morgen sahen wir Krakau bei Tageslicht und wurden nur noch mehr von seiner Schönheit begeistert, vor allem deshalb, weil wir diesmal mehr erfuhren, was sich Historisches in dieser Stadt zugetragen hat, denn wir bekamen eine Führung durch das Schloß am Wawel, welches zu den zwölf wertvollsten Baudenkmälern der Welt zählt. Mit polnischen Studentinnen zusammen wohnten wir der Öffnung des Altars der Marienkirche im mittelalterlichen Teil Krakaus bei. Nach einem Stadtrundgang und kurzen Bummelstreifzügen, gingen wir abends den Spuren jüdischer Kultur in Krakau nach. Es wurde ein sehr schöner Abend, an dem wir in einem verträumten, kleinen jüdischen Restaurant, in dem selbst schon Steven Spielberg während der Dreharbeiten zu "Schindlers Liste" zu Besuch war, mit jüdischer Musik den lebenden Teil dieser faszinierenden Kultur kennenlernen durften. Auch die jüdische Küche ist uns nun ein bißchen bekannt, sowie neues Wissen über das Judentum und seine unmittelbar mit dieser Stadt verflochtene Geschichte.
Nach diesem gemütlichen Abend ging es wieder ins Hotel. Auf dem Weg dorthin war man etwas in Gedanken vertieft, die in etwa folgende Fragen zu verstehen und zu beantworten suchten: Wieso mußte es dazu kommen ? Weshalb sollte ein Volk, eine Nation, eine Religion, eine Kultur grundlos ausgelöscht werden ?
Die Erfahrung, die wir in diesem Restaurant gemacht haben war nämlich nicht zu vergleichen mit einer anderen Art, einer Kultur nahe zu kommen wie etwa mit Museumsbesuchen oder trockenen Geschichtsstunden: Nein, diesmal hat man den lebenden Teil dieser Kultur erlebt, und man sah sich plötzlich anstelle der Menschen, die genauso dasaßen, sich amüsierten, lachten und aßen, eben wie an diesem Abend, und dann auf einmal verfolgt, erniedrigt und getötet wurden, ohne von den Tätern gekannt worden zu sein, die sich blind an überholte jahrhundertealte Vorurteile hielten. Was wir empfanden, war eine gewisse Leere und Mangel an Verständnis für die Geschichte, deren steinige Reste wir dann am nächsten Tag in Auschwitz besichtigen sollten.
Es wurde ein sonniger Tag, und wir fanden dort ein sehr gegensätzliches Bild vor. Auf der einen Seite die Baracken und die ganze Vernichtungsmaschinerie des Mörderregimes der Nazizeit und auf der anderen Seite das Gras und die Blumen, die heute auf dem Gelände wachsen. Sogar Schmetterlinge flatterten fröhlich hin und her, nicht ahnend, daß diese Erde mit Blut getränkt wurde und einst für Unfruchtbar-keit, Verderben und Tod stand. In kleinen Gruppen gingen wir durch das Vernichtungslager Auschwitz-II. Wo man auch hinsah: Stacheldraht, Wachtürme und Baracken, in denen ein grausamer Tod lauerte. Viele von uns stellten Fragen, manche behielten sie für sich, aber keiner blieb von dem kolossalen Eindruck unberührt, den dieses Lager auf uns gemacht hatte. Am Abend, nach dem Besuch des alten jüdischen Viertels Kazimierz und der Rückkehr ins Hotel, setzten wir uns in einem Gesprächskreis zusammen, um unsere Eindrücke auszutauschen, aber auch um miteinander zu diskutieren. Die polnischen Studentinnen fragten uns nach unseren Empfindungen und was junge Deutsche fühlen, wenn sie so etwas sehen. Zusammen kamen wir zum Ergebnis, daß so etwas niemals wiederholt oder vergessen werden darf. Wir diskutierten auch über die heutige Lage in Deutschland und über die Beziehungen zwischen Deutschen und ihren ausländischen Mitbürgern, und sprachen uns einstimmig für ein freundliches Miteinander aller Nationen und Konfessionen aus, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt.
Den Rest des Abends verbrachten wir in Krakaus schönem Zentrum, wo wir die Gelegenheit hatten, ein letztes Mal die tolle Stimmung am späten Abend zu genießen, und sich von dieser beeindruckenden Stadt zu verabschieden. Später kehrten wir in Straßencafés und in Kellern ein, was uns allen sehr gefiel, da wir so ziemlich alles taten, um diesen letzten Abend so lustig wie möglich zu machen, was uns dann auch plötzlich gelang. Leider kehrten wir etwas später als vereinbart ins Hotel zurück, was Reinhard nicht sehr gefiel, wofür er aber dann nach einem Gespräch doch Verständnis aufbringen konnte. Daß sich so manche in dieser letzten Nacht in Krakau auch noch verlaufen hatten, war wohl einfach nur normal. Im Hotel angekommen suchte man recht schnell das eigene Zimmer auf und legte sich schlafen, weil man morgen früh aufzustehen hatte, da bedauerlicherweise die Rückfahrt angetreten werden mußte. Da die Rückfahrt uns aber noch nach Dresden führen sollte, fiel uns die Abfahrt aus Krakau nicht so schwer, da wir in "Elbflorenz" noch einiges zu erfahren und zu erleben hatten.
Am nächsten Morgen ging es dann munter in den Bus und mit einem etwas traurigen Blick und nur schweren Herzens ließen wir Krakòw hinter uns. Während der Fahrt bejubelten wir, wie immer, unseren Busfahrer und unsere Reiseleiter, schliefen auf dem Gang des Busses, hörten Musik oder strickten Pullis. Im großen und ganzen ging die Zeit schnell vorbei, dennoch aber verspürten wir Müdigkeit bei der Ankunft in Dresden. Dieses müde Gefühl wurde aber nach dem Abendessen und während des Stadtrundgangs völlig von der Begeisterung für die Semperoper oder die neuentstehende Frauenkirche verdrängt. Die einzigartige Stadt mit vielen Bauwerken aus dem 18. Jh. hinterließ auf uns einen starken Eindruck. Vor allem weil Dresden als Hauptstadt des Königreichs 1485 und heute als Hauptstadt des Bundeslandes Sachsen eine große Geschichte hat, die kombiniert ist mit dem aktuellen Bedeutungswert dieser Großstadt.
Alles hat ein Ende und so auch diese unvergeßliche Studienfahrt, deren Ende wir durch einen gemeinsamen Abend mit Programm gebührentlich gekennzeichnet haben. Aus der Gruppe boten sich Teilnehmer an, verschiedene unterhaltende Nummern vorzuführen und so genossen wir die gelassene Stimmung mit Jugendlichen und Erwachsenen bei life-Musik, geboten von zwei Kameradinnen, bei Jonglierkünsten eines Teilnehmers und bei mathematischen Fraktalspielchen. Dieser Abend wurde, ebenso wie diese letzte Woche, ein voller Erfolg.
In Stuttgart angekommen, fühlte man eine leichte Traurigkeit, aber es war uns auch bewußt, daß wir während dieser Fahrt in jeder Hinsicht bereichert wurden und daß nach einem gefühlvollen Abschied am Bussteig 13 neben einer wertvollen Erfahrung auch noch wunderbare Freundschaften für immer erhalten bleiben.
18. Juli ‘97 - 25. Juli ‘97
Alvin Kan - Nino, Marcus Leinweber und Jens Schmeling