Es ist kurz vor Mitternacht und um uns wimmelt es noch von Menschen,
die in Eile sind oder auf jemanden warten und sich ihre Zeit mit einem
Imbiß oder mit einer Lektüre vertreiben. Alles dies geschieht
unter einem hell erleuchteten Glasdach – dem Dach des Münchner Hauptbahnhof.
Wir, die Erstpreisträger eines Schülerwettbewerbs, warten hier
auf unseren Zug, der uns in eine Stadt von weltweitem Interesse bringen
soll.
Vor zwei Tagen strömten aus dem ganzen „Ländle“ Jugendliche,
die auch beim Schülerwettbewerb des Landtages von Baden-Württemberg
teilnahmen und deren Arbeiten mit einem ersten Preis belohnt wurden, nach
Weil der Stadt. Genauer in die Jugendakademie „Johannes Kepler“.
Mit unterschiedlichen Gefühlen beschnupperte man/frau sich und gab
sich schon teilweise einen ersten Schlagabtausch – beim Volleyballspiel.
Zur vereinbarten Zeit versammelten wir uns in einem Seminarraum der Jugendakademie,
wo unsere Reiseleiter, Moni(ka) und Reinhard, uns willkommen hießen
und nach einem tollen (!) Kennenlernspiel das Ziel vorstellten beziehungsweise
den Verlauf der nächsten Tage kurz umrissen, aufgepeppt durch Pausen
mit Kaffee und Kuchen sowie der Möglichkeit die ersten Bekanntschaften
zu festigen.
Der Weg der diesjährigen Studienreise führt in eine der weltberühmtesten,
aber auch prachtvollsten, Städte, aufgeführt in der UNESCO-Liste
des Weltkulturerbes: VENEDIG, die Serenissma („Erlauchtigste Republik“).
Die Pracht an Kirchen, Palästen, Museen aller Kunstrichtungen, aber
auch riesige Plätze und schmale Gassen, ziehen jährlich zehn
Millionen Touristen in ihren Bann. Auch wurde uns mitgeteilt, daß
Jörg Döpper, Renate Rastätter, Roland Schmid, Gerd Teßmer,
Mitglieder des Landtages sowie Elisabeth Krause, vom Referat für Öffentlichkeitsarbeit,
uns auf unserer Reise begleiten würden. Mitgerissen von der Faszination
der bevorstehenden Reise ließen wir den Tag mit Gesprächen oder
einem Spaziergang durch Weil der Stadt – dem Geburtsort Johannes Keplers
– ausklingen.
Am nächsten Morgen begannen wir unseren «Stuttgarttag»
erst einmal mit einem kräftigenden Frühstück, denn der heutige
Tag sollte sehr stressig werden, zumal vor unserer Abreise der Landtagspräsident
Peter Straub uns zur Verleihung der Urkunden in das Restaurant „Plenum“
im Landtag geladen hatte. Nach der
Fahrt mit der S-Bahn nach Stuttgart und einem
Bummel durch die Innenstadt verlieh uns der Vize-Landtagspräsident
Frieder Birzele – der Landtagspräsident war verhindert – die Urkunden
im Rahmen des Mittagessens, zu welchem auch Mitglieder des Landtages gekommen
waren, die sich bereit erklärt hatten, unsere Fragen zu beantworten
oder einfach aus ihrem völlig normalen „Politikerleben“ zu berichten.
Mit vollen Mägen und um ein paar Informationen reicher
steuerten wir dann dem nächsten Programmpunkt zu, welcher
Gruppengespräche zu den Themen des Schülerwettbewerbs „Wie leben
Behinderte?“ – Besuch bei einer Behindertenwerkstatt - , „Wo ich zuhause
bin.“ – Gespräch mit dem Ausländerbeauftragten der Stadt Stuttgart
– oder „Sind Sekten gefährlich?“ – Diskussion mit dem Sektenbeauftragten
der Landeshauptstadt – vorsah. Im Anschluß an die informativen Gespräche
und einem leichten Abendessen im Restaurant „Zeppelinstüble“ ging
es endlich los und so erreichten wir mit dem EC 66 „Maurice Ravel“ zunächst
München.
„Hey, wir können einsteigen !“. Aufgeschreckt aus den Gedanken
tauschten wir das grelle Licht und die sommerlich-milden Nachttemperaturen
des Bahnhofs in die dunkle und schwül-stickige Atmosphäre unseres
Zuges, der unsere Gruppe in die süditalienische Metropole bringen
sollte, ein. Eine rüttelige Nacht hinter sich in einem 6-Mann-Abteil
bei 32 °C „Starttemperatur“, die erst mit dem Fahrtwind sank, fuhren
wir am frühen Morgen – die herrliche Silhouette Venedigs vor Augen
– in den Hauptbahnhof, der Stazione Ferroviaria S. Lucia, ein. Konfrontiert
mit der drückenden Schwüle des Hochsommers ging die Fahrt mit
einem vaporetto („Wasserbus“) zu unserem Hotel Gran Riviera auf dem Lido
durch den Canal Grande weiter und erlaubte erste Begegnungen mit dem italienischen
Temperament und dem venezianischen Flair. Nachdem wir alle unsere komfortablen
Zimmer, teilweise mit großer Terrasse oder Balkon, bezogen und uns
am Frühstücksbuffet gestärkt hatten, brachen wir in Gruppen
zu einer kleinen Sightseeingtour auf: das Zentrum, Besuch des Markusplatzes
mit Dom, Tauben und Campanile, San Zaccaria, Santi Giovanni e Paolo, Fondamenta
Nuove. Happy und zugleich erschöpft mußte aber nach dem Abendessen
der Strand noch erkundet werden, wo so manch einer auf das Bad im Meer
verzichtete und angesichts Myriaden von Mücken die Flucht ergriff.
Am nächsten Morgen besuchten wir dann das Museo Orientale, dessen
Exponate einen faszinierenden Einblick in die Kultur des Morgenlandes gaben.
Die anschließend freie Zeit nutzten wir für eine kleine Erkundung
zu jener Gegend, wo „Hirn und Bauch“ zusammentreffen: Rialto. Die berühmte
Brücke als Inbegriff der Stadt ist Fußgängerüberweg,
Ladenstraße und Aussichtspunkt auf den Canal Grande. Der jüdischen
Kultur begegneten wir nachmittags bei einer Führung durch das Ghetto
und dem Besuch von drei der fünf Synagogen, die hinter schlichten
Fassaden eine überraschende Pracht beherbergten. Die jüdisch-venezianische
Bevölkerung war zwar keinen Progromen ausgeliefert, trotzdem erlangte
Venedig 1531 den zweifelhaften Ruhm, den Begriff «Ghetto» erfunden
zu haben, da man hier die Isolation der jüdischen Einwohner von den
Christen erstmals praktizierte. Noch etwas nachdenklich gestimmt gestalteten
wir den Rest des Tages lustig und nutzten ihn für Sonnen- und/oder
Meeresbaden, kombiniert mit Wassermelonen essen.
Wie immer begann auch der nächste Tag sehr früh, der unter
dem Motto „Moderne“ stand, denn nach dem Frühstück besuchten
wir das Biennale-Gelände (Esposizione biennale artistica
nazionale), auf dem alle zwei Jahre
eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst stattfindet
und neben der „documenta“ in Kassel als wichtigster Seismograph aktueller
Trends in der Kunst gilt. Werke verschiedener Künstler des 20. Jahrhunderts
(Chagall, Picasso, Dalí, Miró, Giacometti, ...) bestaunten
wir ein wenig später in der Collezione Peggy Guggenheim und den Abschluß
des offiziellen Programmes bildete der Besuch der deutsch-italienischen
Kulturgesellschaft, deren Direktorin uns freundlich mit
Getränken und Obst empfing.
Allerdings interessierte uns die Ausstellung „Barlach
e Goethe“ mehr als der Vortrag über die Arbeit dieser Institution.
Die Exhibition zeigte Lithographien und Plastiken, zu der Tragödie
„Faust“ von Wolfgang von Goethe, des deutschen Bildhauers, Graphikers und
Dichters Ernst Barlach (1870-1938), der das Leiden der Menschen in seinen
Werken ergreifend darstellt, und so überzeugend, daß das Nazi-Regime
seinen Arbeiten das Prädikat „Entartete Kunst“ verlieh. Nach soviel
Kunstvollem genossen wir die letzte Nacht in Venedig auf verschiedenste
Weise, so sollte es auch vorkommen, daß jemand von einer ominösen
Person heimgesucht wurde.
Frisch und nicht gerade munter war am nächsten Morgen Kofferpacken
angesagt, jedoch Abschied nehmen von der beeindruckenden Stadt Venedig
hieß es erst am Abend nach einer Fahrt mir dem burchiello auf der
Brenta (berühmter Kanal). Schweren Herzens fuhren wir mit dem vaporetto
vom Lido zum Hauptbahnhof, ein letztes Mal zogen der Markusplatz, die rund
300 Gebäude aus dem 12.-18. Jahrhundert entlang des Canal Grande und
die Rialtobrücke an uns vorbei, und bis wir im Zug gen Heimat saßen,
wollten wir nicht wahr haben, daß alles schon zu Ende war.
In Stuttgart angekommen, fühlte man leichte Traurigkeit, aber
es war uns auch bewußt, daß wir während dieser Studienreise
in jeder Hinsicht bereichert wurden und daß nach einem gefühlvollen
Abschied neben einer wertvollen Erfahrung auch noch wunderbare Freundschaften
für immer erhalten bleiben.